Von Beziehungen, Vertrauen und Nischen
dgy. Zur Zeit geht vermehrt ein riesiger Hype rund um Web 2.0 durch die Medien. Interessant daran ist, dass sich dieses Theman nicht nur in einschlägigen Technologie- und Internetpublikationen niederschlägt, es hat bereits Einzug gehalten in alltägilchen Informationsträgern wie der Tagespresse und im Fernsehen. Die Gründe liegen auf der Hand: Web 2.0 (User bestimmen mehrheitlich den Inhalt und bestreiten weitgehend dessen Erstellung wobei den jeweiligen Websites nur noch die Funktion der vermittelnden Plattform zukommt) gibt den Menschen die Möglichkeit zurück, sich zu vernetzen, ihre Meinungen, Gedanken, Ideen, Rückmeldungen und Beiträge einfach und für jedermann weltweit sofort verfügbar im Internet abzulegen. Plattformen wie MySpace, Flickr, YouTube und viele mehr sprechen eine deutliche Sparch, betrachtet man deren Benutzerzuwachs.
Aber was hat das mit Einzelhandel zu tun? Vieles! Unter vielen anderen stellt das Gottlieb Duttweiler Institut fest, dass mit der Etablierung von Web 2.0 die Zeiten der klassischen (Marken-)Kommunikation mindestens Teilweise gezählt sind. Die Macht, eine Marke über simple Marketingmassnahmen zu gestalten und so ein weitgehend inhaltsfreies Produkt mit gigantischen Margen dem Endkonsumenten unterzujubeln, geht zunehmend verloren. Warum? Die Konsumenten stellen sich nicht mehr nur Fragen, sie formulieren diese auch und stellen sie ins Internet. Am richtigen Ort plaziert, findet man zügig andere “Betroffene”, die den selben Ärger kennen. Damit werden leere Versprechen, ethisch bedenkliches Vorgehen und allerlei weitere Schaumschlägerei, die von den Markeneigentümern in ihrer Kommunikation und Werbung den Konsumenten vorgegaukelt werden, rasch entlarvt. Das wiederum führt zu beträchtlichem Imageschaden für die Marke selbst. In absehbarer Zukunft und mit weiter steigernder Nutzung des Internets mit seinen Möglichkeiten in breiten Bevölkerungsschichten, werden sich Marken wieder Gedanken machen müssen, welchen Nutzen sie ihren Kunden denn für das geforderte Geld bieten. Steht dieser Nutzen auch im Verhältnis zum geforderten Preis und wenn nicht, wie beheben sie dieses Defizit mögichst rasch. So wird im Sortiment des Multi-Marken-Händlers die Zahl der Produkte wieder steigen, die nicht nur einen Marken- sondern auch einen Substanzwert haben.
Gleichzeitig bietet sich den Händlern neue Angebotschancen durch die Aufnahme von Nischenprodukten für Nischenzielgruppen. Den Beleg für diese Entwicklung finden wir ebenfalls im Web 2.0. Bei Amazon wird heute bereits mehr Umsatz mit Nischenprodukten erzielt, als mit den Top-Sellern der grossen Marken. Das Internet macht es heute jedem Kunden möglich, das für ihn gewünschte Produkt zu suchen und auch zu finden, wenn es irgendwo im Internet angeboten wird. Die Menschen haben die Nase voll von einheitlichen, austauschbaren Angeboten. Dabei heisst das nicht, dass grosse Brands verschwinden werden, es bedeutet eher, dass es wieder einen Markt für kleine und hauseigene Marken gibt.
Die Herausforderung für den Einzelhandel ist einderseits das Umdenken, andererseits müssen sich gerade kleinere und mittlere Unternehmen ein neues Stück Wissen aneignen. Grosse Organisationen beschäftigen dazu ein Heer von Mitarbeitenden. Es spricht für sich, dass in kleineren Firmen dieser Luxus undenkbar ist. Die Händler sind also gefragt. Die Anforderung an die Einkaufskompetenz steigt. Die Fähigkeit, eigene hochwertige Produkte zu entwickeln, unter eine eigene Marke zu stellen und diese im Internet zu plazieren ist eine neue Kernkompetenz, die sich die Verantwortlichen entweder selber aneignen müssen oder sie kaufen sich dieses Wissen zu - am besten In-House. Denn welcher Freelancer liebt seine Kunden derart, dass er für ihre Marke wirklich von Herzen mitdenkt.
Die neuen Aufgaben bei der Vermarktung seines Sortiments und seiner Marke(n) liegt darin, sich mit den Nischennachfragern zu vernetzen, mit ihnen eine Beziehung einzugehen. Das beginnt im geografischen Einzugsgebiet des jeweiligen Unternehmens und findet seinen Fortsatz fast zwingend im Internet. Eine eigene Internet-Präsenz ist - so oder so - heute zwingende Voraussetzung für jede Organisation. Wer im Web nicht gefunden wird, ist faktisch tot. Gleichzeitig ist es notwendig, sich aktiv auf Plattformen wie Xing, MySpace oder wo auch immer Social Networks erfolgreich sind, zu vernetzen. Dokumentieren Sie jede Eigenmarke z.B. auf MySpace, wenn es sich um ein Produkt handelt, das vorwiegend von jungen Menschen gekauft wird. Verschicken Sie Mails an alle Ihre Freunde und Kunden mit dem Hinweis auf diese Seite und der Bitte, sie mögen es sich ansehen und Ihnen Anregungen zur Verbesserung geben. Erzählen Sie auf dieser MySpace-Seite alle Hintergründe zu den Produkten, der Marke, den Menschen, den Entwicklern, einfach alles, was mehr Licht ins Dunkel rund um das Angebot gibt. Geben Sie den Besucherinnen und Besuchern die Möglichkeit, Kommentare abzugeben und geben Sie Antwort, wenn ein solcher Kommentar eingetroffen ist. Seien Sie aktiv, geben Sie den Menschen Gelegenheit, sich mit Ihnen, Ihrem Produkt und Ihrer Marke auseinander zu setzen. Auf diese Weise steigern Sie die Chance, im Web über Ihren Bekannten- und Kundenkreis hinaus von Nachfragern dieser Nische gefunden zu werden.
Spätestens seit Web 2.0 ist auch für den letzten Händler die Zeit abgelaufen, in der er einfach in seinem Laden sitzen und auf Gäste warten kann. Die gute Nachricht daran ist, dass Sie diese Aktivitäten vom Schreibtisch aus erledigen können, während Sie auf Ihre Kundinnen und Kunden warten. Und wenn diese ins Geschäft kommen, dann zeigen sie Ihnen gleich, was alles läuft. Zusätzlich stellen Sie diese Informationen optisch schön und passend aufbereitet auch in Ihre Schaufenster. Drucken Sie einen Flyer mit der Aufforderung zum Mitmachen und legen Sie diesen jeder Postsendung bei, egal an wen Sie diese verschicken. Nutzen Sie Ihre Zeit zu Gunsten Ihrer Marke. Web 2.0 ist hier und Sie haben die Chance, diese neue, weltverändernde Technologie zu nutzen. Und das sogar noch, bevor die grossen Marken das Thema verstanden, geschweige denn umgesetzt haben.
Haben Sie schon eigene Erfahrungen in diesem Bereich gesammelt? Ich freue mich, wenn Sie diese hier kurz darlegen, damit die Leser dieses Blogs ermutigt werden, selber aktiv zu werden.

